Sie kennen das Problem: Ihr Java-Entwickler sitzt seit zwei Wochen auf der Bank, weil es keine Java-Aufträge gibt, während das Frontend-Team dringend Verstärkung braucht. Oder Ihre beste Datenanalystin ist krank und niemand kann ihre Arbeit übernehmen. In Unternehmen mit rein spezialisierten Teams kommt es ständig zu Engpässen, Personalfluktuation und Abhängigkeiten. Die Lösung? Ein T-förmiges Team.
Was ist ein T-förmiger Profi?
Das Konzept der T-förmigen Kompetenzen wurde in den 1980er-Jahren von McKinsey & Company bekannt gemacht und später von IDEO-CEO Tim Brown als idealer Ansatz zum Aufbau effektiver, kreativer Teams übernommen. Die Metapher ist einfach: Der vertikale Strich des T steht für tiefgreifendes Fachwissen in einem einzelnen Bereich, während der horizontale Strich für breites Wissen und Fähigkeiten in angrenzenden Disziplinen steht.
Ein T-förmiger Entwickler ist beispielsweise auf Python spezialisiert, kann aber auch Frontend-Probleme lösen, Datenbankdesign verstehen und zu Architekturentscheidungen beitragen. Ein T-förmiger Berater verfügt über fundierte Kenntnisse im Supply-Chain-Management, hat aber auch genügend Verständnis für Finanzmodellierung und Change-Management, um bei Bedarf in diesen Bereichen zu unterstützen.
Der Unterschied zu einem I-förmigen Experten – jemandem mit tiefgreifendem Wissen ausschließlich in einem Fachgebiet – ist entscheidend. I-förmige Mitarbeiter sind aufgrund ihrer Expertise unverzichtbar, doch sie machen Teams anfällig. Sind sie abwesend oder nicht verfügbar, kommt die Arbeit zum Erliegen. Ein T-förmiges Team vereint die Vorteile beider Welten: spezialisierte Qualität und flexible Einsatzmöglichkeiten.
Warum T-förmige Teams die Ressourcenplanung revolutionieren
Für operative Manager in professionellen Dienstleistungsunternehmen – von IT-Beratungen bis hin zu Ingenieurbüros – steht die Teamzusammensetzung in direktem Zusammenhang mit Auslastungsgrad, Margen und Lieferzuverlässigkeit. T-förmige Teams bieten Vorteile auf drei Ebenen.
Höhere und stabilere Auslastungsraten. Wenn Mitarbeiter vielseitiger einsetzbar sind, gibt es weniger Ausfallzeiten. Ein Berater, der neben seinem Spezialgebiet auch Aufgaben in verwandten Projekten übernehmen kann, ist einfach produktiver. Anstatt auf die passende Arbeit zu warten, kann ein T-förmiger Experte dort einspringen, wo die Nachfrage am größten ist. In der Praxis sehen wir, dass Unternehmen mit T-förmigen Teams ihre Auslastungsraten um 10 bis 15 Prozent steigern können, einfach weil das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage geringer ist.
Geringere Anfälligkeit für Ausfälle und Personalfluktuation. In einem Team aus reinen Spezialisten macht sich der Weggang oder die Krankheit eines Mitglieds sofort bemerkbar. Projekte verzögern sich, Kunden sind enttäuscht. Wenn mehrere Teammitglieder die Aufgaben der anderen teilweise übernehmen können, ist das Team widerstandsfähiger. Man verfügt quasi über eine eingebaute Redundanz, ohne zusätzliche Vollzeitkräfte einstellen zu müssen.
Optimierte Projektbesetzung. Ressourcenplaner kennen die Herausforderung, für jedes Projekt die richtigen Spezialisten bereitzustellen. T-förmige Teams vereinfachen dies: Sie bieten mehr Kombinationsmöglichkeiten für die Zusammenstellung eines Projektteams. Das bedeutet schnellere Projektstarts, geringere Abhängigkeit von externen Mitarbeitern und eine bessere Projektausgewogenheit.
Fünf konkrete Schritte zum Aufbau eines T-förmigen Teams
Der Übergang von einem spezialisierten zu einem T-förmigen Team vollzieht sich nicht über Nacht. Er erfordert eine bewusste Strategie und eine Kultur, die Lernen und Wissensaustausch fördert. Diese fünf Schritte helfen Ihnen beim Einstieg.
1. Erfassung der aktuellen Kompetenzen
Beginnen Sie mit einer umfassenden Bestandsaufnahme der Kompetenzen Ihres Teams. Erstellen Sie für jeden Mitarbeiter eine Übersicht seiner Hauptkompetenz (vertikale Linie) und seiner Zusatzkompetenzen (horizontale Linie). Verwenden Sie eine einfache Kompetenzmatrix: Tragen Sie die Mitarbeiter in die Zeilen, die Kompetenzen in die Spalten ein und bewerten Sie die Ausprägung jeder Kombination. So erkennen Sie auf einen Blick, wo Lücken bestehen und welche Kompetenzen nur von einer Person abgedeckt werden.
2. Definieren Sie das gewünschte Team T
Nicht jeder Mitarbeiter muss in allen Bereichen über umfassende Kenntnisse verfügen. Ermitteln Sie, welche Zusatzqualifikationen für die jeweilige Rolle am wertvollsten sind. Für einen Backend-Entwickler könnten dies beispielsweise Frontend-Kenntnisse sein, während es für einen Projektmanager grundlegende Kenntnisse in der Datenanalyse sein könnten. Konzentrieren Sie sich auf die Kombinationen, die in der Praxis am häufigsten benötigt werden. Analysieren Sie Ihre Projekthistorie: Welche Projekte stießen aufgrund fehlender Qualifikationen auf Engpässe? Genau hier erzielt die T-Shaping-Methode die größte Wirkung.
3. Schaffen Sie Lernmöglichkeiten am Arbeitsplatz
Der effektivste Weg, umfassende Kompetenzen zu entwickeln, führt nicht über Schulungen im Seminarraum, sondern über praktisches Lernen. Organisieren Sie Zweiergruppen, in denen ein Spezialist mit einem Kollegen aus einem anderen Fachgebiet zusammenarbeitet. Lassen Sie Mitarbeiter zwischen verschiedenen Projekten oder Teams rotieren. Führen Sie interne Wissensveranstaltungen durch, in denen Teammitglieder ihr Fachwissen teilen. Entscheidend ist, dass Mitarbeiter regelmäßig ihre Komfortzone verlassen – nicht um sie zu Generalisten zu machen, sondern um ihren Horizont zu erweitern.
4. Passen Sie Ihre Planung an eine breite Einsatzfähigkeit an.
Ein T-förmiges Team erfordert auch eine andere Planungsmethode. Anstatt Mitarbeiter ausschließlich nach ihrer Hauptfachrichtung einzuplanen, können Sie ihnen auch Aufgaben zuweisen, die ihren Nebenkompetenzen entsprechen. Dazu müssen Sie in Ihrem Ressourcenplanungstool neben der Hauptfachrichtung auch die Nebenkompetenzen und deren jeweiliges Niveau erfassen. So können Sie bei der Mitarbeiterzuweisung nach mehreren Kompetenzen filtern und erhalten ein umfassenderes Bild davon, wer verfügbar und für welche Aufgaben geeignet ist.
5. Entwicklung messen und belohnen
Was man nicht misst, kann man nicht managen. Integrieren Sie die Entwicklung von T-förmigen Kompetenzen in Leistungsbeurteilungen und Teamziele. Würdigen Sie Mitarbeiter, die erfolgreich Aufgaben außerhalb ihres Kernkompetenzbereichs bewältigen. Setzen Sie konkrete Ziele: beispielsweise, dass jeder Mitarbeiter innerhalb eines Jahres mindestens eine zusätzliche Kompetenz auf ein anwendbares Niveau entwickelt.
Die Fallstricke, die es zu vermeiden gilt
Die Bildung eines T-förmigen Teams klingt verlockend, birgt aber Risiken. Das größte Risiko besteht darin, die Spezialisierung zugunsten der Breite zu vernachlässigen. Ein Team, das ausschließlich aus Generalisten besteht, wird qualitativ minderwertigere Arbeit leisten als ein Team aus echten Experten. Die vertikale Achse des T muss stark bleiben – die horizontale Achse ergänzt das Team, ersetzt es aber nicht.
Eine weitere Schwierigkeit ist der Widerstand im Team. Nicht jeder Spezialist ist bereit, Aufgaben außerhalb seiner Komfortzone zu übernehmen. Kommunizieren Sie daher klar und deutlich, warum Sie diesen Weg einschlagen, beziehen Sie die Mitarbeiter in die Festlegung ihres Entwicklungspfads ein und sorgen Sie für einen schrittweisen Lernprozess. Niemand muss über Nacht einen anderen Beruf erlernen.
Schließlich besteht die Gefahr, jemanden zu überschätzen. Nur weil jemand einen grundlegenden Frontend-Entwicklungskurs absolviert hat, ist er noch lange kein vollwertiger Frontend-Entwickler. Seien Sie realistisch in Ihren Erwartungen an die erforderlichen Kompetenzen und planen Sie entsprechend. Ein Mitarbeiter mit T-Profil kann einspringen und unterstützen, aber er kann den Spezialisten nicht immer ersetzen.
Die Rolle von Ressourcenplanungssoftware
Die Führung eines T-förmigen Teams ist komplexer als die Führung eines rein spezialisierten Teams. Es müssen mehr Variablen berücksichtigt werden: nicht nur Verfügbarkeit und primäre Spezialisierung, sondern auch sekundäre Kompetenzen, Erfahrungsniveaus und Entwicklungsziele.
Eine gute Ressourcenplanungssoftware macht dies handhabbar, indem sie Kompetenzen mit Mitarbeitern verknüpft, sodass man bei der Zusammenstellung von Projektteams sofort erkennen kann, welche Kombinationen möglich sind.
Mit den richtigen Tools können Sie auch die T-förmige Entwicklung Ihres Teams verfolgen. Sie sehen, welche Kompetenzen bereits gut abgedeckt sind, wo noch Lücken bestehen und ob die breitere Einsatzfähigkeit tatsächlich zu besseren Auslastungsraten führt.
Abschluss
Der Aufbau eines T-förmigen Teams ist kein einmaliges Projekt, sondern eine kontinuierliche Investition in die Resilienz und Flexibilität Ihres Unternehmens. Indem Sie Spezialisten dazu ermutigen, ihren Horizont zu erweitern – ohne dabei ihre Expertise einzubüßen – schaffen Sie Teams, die besser planbar, weniger anfällig für Fehler und letztendlich profitabler sind. In einem Markt, in dem Projekte immer vielfältiger werden und der Wettbewerb um Talente zunimmt, ist dies kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit.
Der erste Schritt? Nehmen Sie die Kompetenzmatrix zur Hand und ermitteln Sie, wo Ihr Team aktuell steht. Der Rest ergibt sich dann von selbst.


