In einem früheren Artikel haben wir über das T-förmige Modell geschrieben – Fachkräfte, die über ein breites Grundlagenwissen mit einer tiefen Spezialisierung verfügen. Dieses Modell ist und bleibt wertvoll. Für viele Organisationen bietet es genau die richtige Balance zwischen Expertise und Zusammenarbeit.
Es gibt jedoch Branchen und Situationen, in denen es sinnvoll ist, noch einen Schritt weiterzugehen. Dort braucht man Menschen, die nicht nur in einer, sondern in zwei Disziplinen wirklich etwas bewegen können. Genau hier kommt das Pi-förmige Modell zum Einsatz.
Was ist ein Pi-förmiger Profi?
Der Name leitet sich vom griechischen Buchstaben π ab. Ähnlich wie beim T-förmigen Modell gibt es einen breiten horizontalen Balken – das allgemeine Wissen und die Fähigkeiten, die die interdisziplinäre Zusammenarbeit ermöglichen. Doch während das T-Modell nur einen vertikalen Schenkel hat, besitzt das Pi-Modell zwei: zwei tiefgreifende Spezialisierungen anstelle von einer.
Ein Pi-förmiger Berater könnte beispielsweise über fundierte Expertise sowohl in Finanzmodellierung als auch im Change-Management verfügen. Ein IT-Experte könnte Softwarearchitektur und Data Engineering auf hohem Niveau beherrschen. Ein Marketingfachmann kann sowohl Content-Stratege als auch Datenanalyst sein.
Der entscheidende Unterschied zu einem Generalisten mit breitem Fachwissen: Beide Säulen repräsentieren echtes, tiefgreifendes Fachwissen – das Niveau, auf dem man komplexe Probleme selbstständig lösen kann.
Für welche Branchen eignet sich das Pi-Modell besonders?
Das T-förmige Modell funktioniert in vielen Organisationen hervorragend. Es gibt jedoch bestimmte Branchen und Arbeitsumgebungen, in denen das Pi-Modell einen zusätzlichen Mehrwert bietet.
Beratungs- und Beratungsfirmen
In der Beratung ist das Pi-Modell seit Langem etabliert, auch wenn es nicht immer so genannt wird. Kunden erwarten von ihren Beratern, dass sie mehrere Aufgaben gleichzeitig bewältigen können. Ein Berater, der sowohl über fundiertes Fachwissen verfügt als auch Change-Management-Kompetenzen besitzt, kann ein Projekt von Anfang bis Ende begleiten, ohne dass jedes Mal neue Spezialisten hinzugezogen werden müssen. Dies steigert die Kundenzufriedenheit und die Projektmarge.
IT und Technologie
Im Technologiesektor werden Projekte zunehmend von kleineren Teams komplett abgewickelt. Ein Entwickler mit fundierten Kenntnissen der Cloud-Infrastruktur oder ein Data Scientist, der auch Softwareentwicklung beherrscht, ist in diesem Kontext von unschätzbarem Wert. Dies gilt insbesondere für Scale-ups und mittelständische IT-Unternehmen, wo es nicht möglich ist, für jeden Bereich ein separates Team aufzubauen.
Kreativ- und Digitalagenturen
In Agenturen, die Strategie, Design und Technologie vereinen, überschneiden sich die Disziplinen ständig. Ein UX-Designer, der auch Frontend-Entwicklung beherrscht, oder ein Stratege, der zudem komplexe Datenanalysen durchführen kann, fügt sich nahtlos in die Arbeitsweise dieser Agenturen ein. Das Pi-Modell passt besser dazu als das T-Modell, da Projekte selten auf eine einzige Disziplin beschränkt bleiben.
Ingenieurbüros und technische Beratungsorganisationen
Multidisziplinäre Fragestellungen treten in technischen Dienstleistungen immer häufiger auf – man denke an die Kombination von Tragwerksplanung und Nachhaltigkeitsberatung oder Prozessoptimierung und Datenanalyse. Ingenieure mit Pi-förmiger Kompetenzstruktur können diese interdisziplinären Zusammenhänge bewältigen, ohne dass für jeden Teilbereich ein separater Spezialist benötigt wird.
Wo das T-Modell vollkommen ausreicht
Es ist wichtig zu betonen: Nicht jede Organisation benötigt Pi-förmige Rollenprofile. In Umgebungen mit klar definierten Rollen und Projekten, die überwiegend einer einzigen Disziplin zugeordnet sind, ist das T-förmige Modell genau richtig. Man denke an spezialisierte Forschungsteams, Produktionsumgebungen mit klarer Funktionstrennung oder Organisationen, deren Stärke gerade in tiefgreifender, einzigartiger Expertise in einem einzigen Fachgebiet liegt.
Das Pi-Modell ist keine Weiterentwicklung des T-Modells – es ist eine Ergänzung, die in bestimmten Kontexten besser passt.
Welche Bedeutung hat das Pi-Modell für Ihre Ressourcenplanung?
Wenn Ihre Organisation von Pi-förmigen Profilen profitiert, hat dies einen direkten Einfluss auf Ihre Kapazitätsplanung.
Höhere Beschäftigungsfähigkeit
Ein Mitarbeiter mit Pi-förmiger Auslastung kann an einem breiteren Spektrum von Projekten eingesetzt werden. Das klingt logisch, doch die Auswirkungen auf Ihre Planung sind größer als Sie vielleicht denken. Angenommen, eine Unternehmensberatung verfügt über einen Senior Advisor mit umfassender Expertise in Risikomanagement und Datenanalyse. Bei vorübergehend geringerer Nachfrage nach Risikoprojekten muss dieser Advisor nicht untätig bleiben, sondern kann voll in Datenprojekte eingebunden werden. Dies reduziert das Risiko der Unterauslastung deutlich und macht Ihre Planung weniger anfällig für Nachfrageschwankungen in bestimmten Fachbereichen.
Kleinere Projektteams, bessere Margen
Da Pi-förmige Fachkräfte mehrere Rollen innerhalb eines Projekts übernehmen können, lässt sich die Projektbesetzung mitunter verkleinern. In der Praxis bedeutet dies beispielsweise, dass für ein Projekt zur digitalen Transformation kein separater technischer Architekt und kein separater Prozessberater benötigt werden, wenn eine Person beide Rollen kompetent ausfüllen kann. Dies reduziert nicht nur die Personalkosten, sondern vereinfacht auch die Koordination. Weniger Teammitglieder bedeuten weniger Kommunikationswege, schnellere Entscheidungsfindung und letztendlich eine höhere Gewinnspanne.
Geringere Anfälligkeit
In vielen Organisationen konzentriert sich spezifisches Wissen auf wenige Personen. Fällt eine dieser Schlüsselfiguren aus – sei es durch Krankheit, Ausscheiden oder Wechsel zu einem anderen Projekt – entsteht sofort ein Problem. Pi-förmige Profile reduzieren dieses Risiko, da sie für mehr Überschneidungen im Fachwissen sorgen. Wenn zwei oder drei Personen dieselbe Spezialisierung auf hohem Niveau beherrschen, selbst wenn es für einige von ihnen nur ein Nebenschwerpunkt ist, ist Ihre Organisation deutlich widerstandsfähiger. Dies ermöglicht Ihnen zudem mehr Flexibilität bei der Planung, um Umstrukturierungen vorzunehmen, ohne die Qualität zu beeinträchtigen.
komplexere Kompetenzmatrix
Fairerweise muss man sagen, dass Pi-förmige Profile die Planung auch komplexer gestalten. Bei T-förmigen Mitarbeitern ist es vergleichsweise einfach – man erfasst die primäre Spezialisierung und plant darauf basierend. Bei Pi-förmigen Mitarbeitern muss man hingegen festhalten, was jemand kann, auf welchem Niveau und in welchen Kombinationen diese Fähigkeiten am besten eingesetzt werden. Jemand könnte beispielsweise in einer Spezialisierung auf Senior-Niveau und in einer anderen auf mittlerem Niveau sein.
Diese Unterscheidung ist wichtig für die Projekte, in denen Sie die jeweilige Person einsetzen können. Ohne die richtigen Tools wird dies schnell unübersichtlich, insbesondere bei wachsendem Team. Sie benötigen eine Ressourcenplanungssoftware, die Kompetenzen auf verschiedenen Ebenen erfasst und es Ihnen ermöglicht, bei der Planung nach Kompetenzkombinationen zu filtern – nicht nur nach der Hauptrolle.
Entwicklung von Pi-förmigen Mitarbeitern
Pi-förmige Experten entstehen nicht aus dem Nichts. Es dauert Jahre, eine zweite Spezialisierung zu echter Expertise aufzubauen. Doch in Branchen, in denen das Pi-Modell einen Mehrwert bietet, lohnt es sich, bewusst darauf hinzuarbeiten.
Potenzial erkennen. Achten Sie darauf, welche T-förmigen Mitarbeiter Eignung und Interesse in einem zweiten Fachgebiet zeigen. Nicht jeder muss Pi-förmig werden – aber Sie können diejenigen, die dieses Potenzial besitzen, gezielt fördern.
Schaffen Sie funktionsübergreifende Erfahrungen. Weisen Sie Mitarbeiter gezielt Projekten zu, die ihren sekundären Interessen entsprechen. Lassen Sie sie Experten aus anderen Bereichen begleiten. Geben Sie ihnen Aufgaben, die knapp außerhalb ihrer primären Komfortzone liegen.
Machen Sie es in Ihrer Planung sichtbar. Erfassen Sie nicht nur die primäre Spezialisierung einer Person, sondern auch deren Spezialisierung im Bereich Entwicklung. So können Sie die steigende Beschäftigungsfähigkeit Ihres Teams bereits in Ihrer Ressourcenplanung berücksichtigen.
Haben Sie Geduld. Der Aufbau einer zweiten Spezialisierung braucht Zeit. Rechnen Sie mit drei bis fünf Jahren, bis jemand das gleiche Niveau wie im ersten Fachgebiet erreicht hat. Das ist eine Investition, die sich aber durch Flexibilität und bessere Berufschancen auszahlt.
Abschluss
Das Pi-Modell ist kein Plädoyer dafür, jeden zum Generalisten zu machen. Seine Stärke liegt gerade in der Kombination aus Breite und doppelter Tiefe. Ein Experte, der sich in zwei Bereichen „etwas“ auskennt, ist kein Pi-förmiger Mitarbeiter – das ist ein Generalist ohne Alleinstellungsmerkmale.
Die Kunst besteht darin, die breite Grundlage zu bewahren und gleichzeitig zwei echte Spezialisierungen zu entwickeln. Das erfordert Entscheidungen: Man kann nicht in allem der Beste sein. Doch in zwei Dingen herausragend zu sein und die übrigen ausreichend zu beherrschen – das ist erreichbar und ungemein wertvoll.
Das T-förmige Modell bildet weiterhin eine solide Grundlage für professionelle Teams. Doch in Branchen, in denen Projekte multidisziplinär sind, Kunden integrierte Lösungen erwarten und Ressourcenknappheit einen intelligenteren Einsatz erfordert, bietet das Pi-förmige Modell einen wesentlichen Mehrwert.
Die Frage ist nicht, ob das T-Modell oder das Pi-Modell besser ist. Die Frage ist, welches Modell am besten zu Ihrer Organisation, Ihren Projekten und Ihren Mitarbeitern passt. Und das beginnt mit einem Einblick in die Kompetenzen und Spezialisierungen, die Sie intern haben – und die Sie benötigen.


